Martin Neuhaus

Achtsamkeit / Resilienz / Stressmanagement 
Entspannung / QiGong / Waldbaden

Rollstuhltage (Der Umgang mit schwierigen Phasen)

 

Dass wir keine Maschinen sind, ist uns eigentlich klar. Trotzdem gehen wir mit einer Erwartungshaltung zum Arzt oder Therapeuten als wären wir welche. Etwas funktioniert nicht so wie wir es wollen, also gehen wir zum Arzt und erwarten, dass dieser uns sofort heilt.

Während meines Burnouts wollte ich auch möglichst schnell wieder „normal funktionieren“.

Eine erschreckende Studie aus Schweden zeigt, dass sich selbst sieben Jahre nach der Burnouttherapie 80% der Betroffenen nicht gesund fühlen.

Es wird immer mal wieder schwere Phasen geben, dafür ist während eines Burnouts einfach zu viel beschädigt worden. Das heißt aber nicht, dass es einem nicht gut gehen kann oder dass alles Erreichte vergebens war.

 

Wenn beim Auto ein Reifen platzt, zerstechen wir auch nicht die anderen drei.

 

Aber so ist es leider oft. Wenn es uns mal schlecht geht, neigen wir dazu, sofort alles schlecht zu machen, bzw. schlecht zu sehen. Aber eine schlechte oder depressive Phase ist eine Phase. Um so mehr ich dagegen ankämpfe um so schlechter fühle ich mich. Und nur weil es mir jetzt gerade schlecht geht, heißt es nicht, dass es für immer so ist oder dass alles bisherige umsonst war.

Während meiner Burnouttherapie in der Tagesklinik für Stressmanagement hatten wir auch Gruppensitzungen. Unser Therapeut war vorher in einer Schmerzklinik und erzählte uns hierzu eine Geschichte:

 

In einer Gruppentherapie für Schmerzpatienten gab es eine Patientin, die an manchen Tagen nicht erschien. Irgendwann fiel das auch den anderen Patienten auf und sie fragten sie woran das liegt. Erst wollte die Patientin nicht mit der Sprache heraus, da es ihr peinlich war, doch schließlich sagte sie, dass es Tage gibt an denen sie leider auf den Rollstuhl angewiesen wäre, weil sie es nicht mit den Krücken schafft. Das ist für sie immer ein solcher Rückschlag, dass sie erst gar nicht das Haus verlässt. Sie igelt sich dann ein, weil sie sich dafür schämt, es nicht auf Krücken zu schaffen.

Die anderen Teilnehmer waren bedrückt und meinten, dass sie es schade finden wenn sie nicht dabei ist. Egal ob nun auf Krücken oder im Rollstuhl.

Ein paar Tage später kam die besagte Patientin im Rollstuhl zur Therapiesitzung. Alle freuten sich, dass sie dabei war. „Heute ist eben ein Rollstuhltag.“

 

Diesen Satz hatten wir für unsere Gruppe übernommen. Und auch heute gibt es bei mir immer mal wieder Rollstuhltage.

Wenn man akzeptiert, dass es auch Rückschläge gibt, Zeiten in denen es einfach nicht so läuft wie man es sich wünscht, ist es einfacher damit zu leben. Einfacher, als wenn man jedes mal alles hinschmeißt, das Erreichte kaputt macht und sich selbst Vorwürfe macht, dass man es wieder nicht geschafft hat. Ständiger Kampf gegen uns selbst macht uns nur kaputt. Wir können uns sonst wie fertig machen, dass wir gesund sein wollen, gesünder werden wir dadurch aber leider nicht.

Mit meinem Asthma ist es genau so. Anfangs habe ich alles verflucht. Gedacht ich könne nie wieder richtig Sport machen, oder normal leben. Alles war dann Scheiße!

Die schweren Phasen dauern ein paar Tage und gehen dann wieder vorbei. Aber in der Zeit ist es schwierig damit zu leben. So fällt es mir dann schon schwer die Treppen zum Schlafzimmer hoch zu gehen. Aber wenn ich mir sage, dass es eine Phase ist, die wieder vorbei geht und bald wieder alles gut ist, fällt es mir damit viel leichter. Und ich weiß das es auch wieder bessere Zeiten geben wird. Phasen in denen ich stundenlang Fahrrad fahren kann, ohne an mein Asthma denken zu müssen. Der Gedanke hilft mir. Außerdem plane ich in den schweren Momenten gerne Touren und bin zumindest in Gedanken unterwegs.

Wenn es mir gut geht denke ich auch hin und wieder an diese Situationen und bin dankbar dafür, dass es mir gut geht.

Als ich diese Zeilen geschrieben habe, hatte ich vorher einen solchen Rollstuhltag. Ich fühlte mich kraft- und mutlos, hatte keinen Antrieb und stellte alles Erreichte in Frage: Bringt das mit „Leben erleben“ überhaupt etwas? Wie kann ich anderen Menschen helfen wollen, wenn es mir selbst schlecht geht? Was hat das überhaupt alles für einen Sinn?

Irgendwann akzeptierte ich, dass es mir gerade nicht so „gut“ geht und dann dachte ich darüber nach, genau dieses aufzuschreiben um Dir zu zeigen, dass Du nicht alleine bist. Solche Phasen hat fast jeder hin und wieder, vielleicht in unterschiedlicher Ausprägung.

Um so stärker wir gegen eine depressive Phase ankämpfen, um so mehr Macht geben wir ihr und am Ende wird es uns noch schlechter gehen. Wenn wir loslassen und uns bewusst machen, dass es nur eine Phase ist, wird diese schneller wieder vergehen.

 

Akzeptieren und Loslassen heißt aber nicht aufgeben, sondern sich bewusst machen, dass es eben Höhen und Tiefen gibt.

Wir sind eben keine Maschinen die man einfach reparieren kann. Und wir sollten uns auch nicht mit irgendwelchen Medikamenten und Drogen betäuben. Alle Gefühle haben ihre Berechtigung und wollen gehört werden. Kämpfen wir immer nur dagegen an werden wir auf Dauer krank.

Aber wir können unsere Einstellung zu unseren Gefühlen ändern und den Umständen anpassen. Das wird meistens nicht sofort funktionieren, aber mit ein bisschen Übung wird es leichter werden.